Unsere Gastkuratorin Jana Kühle präsentiert: „Im Rausch der Gezeiten“ über Peter Hamel

Unsere heutige Gastkuratorin Jana Kühle mit ihrem Text „Im Rausch der Gezeiten“ stellt einige Werke aus Peter Hamel’s Bildband „Die Nordsee von oben“ vor. Dafür wurde Peter Hamel für den Deutschen Designpreis nominiert.

Aus einer Cessna heraus treibt er über das Wattenmeer und lässt sich verzaubern. Die daraus entstandenen Fotografien erinnern an Malereien. Jana Kühle nimmt uns in ihrem Text mit auf auf eine Reise – fliegend mit Peter Hamel über die Nordsee:

Im Rausch der Gezeiten

Ruhig liegt sie da, die türkisgrüne Schönheit. Die Nordsee spielt heute Südsee. Geduldig wie ein Model aber sind die Inseln im Wattenmeer nicht. Mit den Gezeiten kommen und verschwinden ihre Sandbänke, je nach Licht und Tageszeit zeigen sie sich von ihrer Schokoladenseite. Keine Frage: Das Meer ist seine Muse.

Wenn sich Peter Hamel mit der kleinen Cessna über die Nordsee erhebt, entstehen dabei impressionistische Flugaufnahmen von einem Model, das sich selbst immer wieder neu erfindet: das Weltnaturerbe Wattenmeer. Peter Hamel liebt das Luftbildlesen. So verwandelt sich ein kleines Eiland je nach Tidenhub schon mal in einen gekrümmten Delfin. Eine Landzunge wird vom Lindenblatt zum Rochen, eine andere zeichnet sich vom Meer ab wie die zarten Flügel eines Vogels. Am meisten aber faszinieren den Fotografen die Formen- und Farbenspiele jenseits der Inseln. Das Meer ist ihm Motiv genug.

Mit seinem grafischen Gespür und der Fähigkeit zu abstrahieren kitzelt der Purist betörende Kunstwerke aus der Nordsee hervor. Still ruht die See im Glanz des Abendlichts unter seinen Objektiven. Wasserläufe mäandrieren durch das Watt. Das Meer streckt seine Adern ins Land. 

Dann ein Aufjubeln: der perfekte Priel! Wie ein Raubvogel, der Beute erspäht hat, kreist der Pilot das Motiv ein, legt das Flugzeug auf die Seite und fliegt mehrere Steilkurven – nur so kann er dem Fotografen einen möglichst steilen Blick auf die Nordsee gewähren.

Während die Wellen sanfte Strukturen in die stille Landschaft zeichnen, Schiffe wie Spielzeugboote dahingleiten und Priele wie die Haare einer Frau in einem Gemälde von Botticelli im Watt ruhen, geht es im Flieger hektisch zu. Hamel hat sein Auge stets am Sucher, für Blickpausen auf den Horizont fehlt ihm die Zeit. Wie im Rausch wendet sich der Fotograf Wind, Wasser und Wellen zu, fängt die weichen farblichen Übergänge an den Schnittstellen zwischen Land und Meer ein – und trägt am Ende eines langen Tages Kunstwerke des wohl schönsten Naturwunders Deutschlands zurück in seine Heimatstadt Hamburg.

Jana Kühle

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