Vanja Vukovic – Der Zauber des Unvorhersehbaren

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Wolken aus Pappe, die sich in Fotos fügen: In den Bildern von Vanja Vukovic ist eigentlich immer alles gestellt. Jetzt hat sie einen Werkkatalog vorgelegt. Von Christoph Schütte / FAZ

FRANKFURT. Platz für die Kunst ist in der kleinsten Hütte. Im bescheidenen Atelier der Künstlerin zum Beispiel. Oder bei Vanja Vukovic im Badezimmer, wo mit „Bleiben Sie gesund!“ während des ersten Lockdowns gleich eine ganze Serie entstanden ist. Und im Zweifelsfall sogar auf ihrem eigenen Smartphone. Eine Überraschung jedenfalls sind ihre aktuellen Arbeiten für den Betrachter allemal. Immerhin ist die Frankfurter Künstlerin in erster Linie Fotografin und ihr immer wieder variiertes Thema zunächst ganz konkret der öffentliche Raum. Was die 1971 in Montenegro geborene und in Stuttgart aufgewachsene Vukovic nicht davon abhält, auch andere Projekte zu entwickeln.

Eine performative Inszenierung etwa, wie sie sie vor ein paar Jahren im Rahmen von „Playing the City“ für die Schirn Kunsthalle entwickelte; den einen oder anderen Film auch oder eine Reihe von imaginären, nur als Konzept existierenden Flirt-Profilen, die sie auf Tinder online stellte, schlicht, um zu schauen, was im Verlauf der nächsten Stunden so passiert. Bekanntgeworden aber ist sie mit ihren Bildern. Mit einer Serie wie „Eat your Words“, die spontan erhaschte, dem urbanen Alltag abgeschaute Augenblicke voller Poesie zu bannen scheint – und doch nichts zeigt als eine akribisch ins Bild gesetzte Inszenierung. Mit zahlreichen, offenliegenden Verweisen auf die Kunstgeschichte von William Turner bis zu Wolfgang Tillmans. Und mit dem nachweislich perfekten Bild. Doch dazu später mehr.

Mit den „Exclusive Clouds“ auch aus dem vergangenen Jahr, wie sie im Oktober erst im Atelierhaus „basis“ zu sehen waren und die tatsächlich exklusiv und außerordentlich zu nennen kein bisschen übertrieben scheint. Ist doch die Wolke flauschig weich wie Watte, indes buchstäblich von Pappe. Vanja Vukovic bringt sie vor ihre Kamera, und so steht sie am Himmel über Fechenheim geradeso wie in Italien. Die Künstlerin hat die immergleiche weiße Wolke von hier nach dort ziehen sehen oder besser: ziehen lassen. Denn genau genommen, existiert sie ausschließlich im Bild. Als Platzhalter gleichsam für die eigenen Projektionen und mithin als postromantisches Versprechen, das einzulösen dem Betrachter überlassen bleibt.

Ein Fake, mag sein, doch für Vanja Vukovic, die in Darmstadt studiert hat, und für ihre Kunst vor allem, so zeigt der aktuelle, mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung entstandene Werkkatalog (My Verlag), spielt das im Grunde keine Rolle. „Eigentlich“, so die Künstlerin, eigentlich ist in meinen Bildern immer alles gestellt.“ Was zählt, ist am Ende vornehmlich das Bild, das noch immer seine eigene Wirklichkeit behauptet. Und in der Tat, angesichts der Lust an der Inszenierung, der Lust auch, die Realität im Bild neu zu sehen und zu arrangieren, kann man das durchaus so betrachten.

Bis sich auch im Werk von Vanja Vukovic der Zufall meldet. Ein Zufall, der hier einmal nicht Corona und nicht Lockdown heißt. Sicher, auch ihre Bilder sind dieser Tage nirgends öffentlich zu sehen. Ausstellungen sind verschoben und kommerzielle Aufträge, die nicht zuletzt das künstlerische Überleben sichern, derzeit rar. Und eine Serie wie die im eigenen Bad entstandene Folge „Bleiben Sie gesund!“ wäre womöglich ohne die Pandemie gar nicht erst entstanden. Der Zufall aber, wie er sich im Werk der Künstlerin bemerkbar macht, ist nicht Schicksal noch Notwendigkeit oder den Umständen geschuldet, sondern der unvorhergesehene Moment und der aus heiterem Himmel die Szene verwandelnde Zauber eines Augenblicks. Das Licht, das Wetter, eine Windböe vielleicht oder der zufällige Passant im Bild.

Und mithin jene kontingente Situation, die man beim besten Willen nicht erfinden und die man auch nicht wirklich simulieren kann, kurzum: jener Moment, der keineswegs zuletzt die Fotografin selbst nachhaltig überrascht. Mag sein, das perfekte Bild ist das naturgemäß in aller Regel nicht, ist doch immer etwas schief, unscharf vielleicht oder auch schlicht anders als im Konzept der Künstlerin eigentlich vorgesehen und ist dem nicht in jedem Fall mit einer Retusche beizukommen. Na und? Das perfekte Bild, so Vukovic, sei in ihren Augen ohnehin vor allem eins: langweilig. Und liefert auch gleich den Beweis.

Hat sie die Aufnahmen von „Eat your Words“ doch vom Tübinger Max-Planck-Institut analysieren und den Blick des Betrachters präzise nachvollziehen lassen. Und aufgrund dessen ausgerechnet in einem Parkhaus im schönen Ludwigshafen den perfekten Ort für das vorgeblich perfekte Bild gefunden, das nun die Serie beschließt. Mit Licht und Schatten, viel Beton und einem Regenschirm und sonst nicht wirklich viel. Auch hier bleibt noch ein Rest von Zauber, den man sich nicht so ganz erklären kann. Allein, an die anderen Aufnahmen der Serie reicht die Inszenierung dann doch nicht ganz heran.

Quelle : zeitung.faz.net/ Donnerstag 21.01.2021 / Christoph Schütte / FAZ